Wichtiger Hinweis: Die ambulante Pflege in der Schweiz leistet täglich unverzichtbare Arbeit. Dieser Beitrag richtet sich nicht gegen Spitexorganisationen als Ganzes, sondern beleuchtet anhand eines konkreten Falls kritisch ein mögliches strukturelles Problem. «Spitex» verwende ich dabei als Sammelbegriff für Anbieter*innen ambulanter Pflege. Zum Schutz aller Beteiligten wurden identifizierende Details verändert und die betreffende Organisation bewusst nicht genannt.
Aus einer Übergangslösung wurden drei Jahre
Vor einigen Jahren meldete ich eine Patientin mit kognitiver Beeinträchtigung bei einer Spitexorganisation ihrer Region an. Sie hatte sich an der Hand verletzt und konnte vorübergehend nicht selbstständig duschen. Die Unterstützung war ausdrücklich als Übergangslösung gedacht.
Nach einem Stellenwechsel verlor ich die Patientin eine Zeit lang aus den Augen. Als ich sie rund drei Jahre später wieder betreute, war ich erstaunt: Die Spitex kam noch immer regelmässig, um sie beim Duschen zu unterstützen.
Die Hand war längst verheilt. Vor der Verletzung hatte die Patientin nie Probleme mit der Körperpflege gehabt. Auch sie selbst verstand nicht wirklich, weshalb die Einsätze weiterhin stattfanden.
Keine relevante Einschränkung feststellbar
Ich führte daraufhin unter anderem eine strukturierte Einschätzung mit dem WHODAS 2.0 durch. Dabei ergaben sich für mich keine Hinweise auf eine funktionelle Einschränkung, die eine dauerhafte Unterstützung beim Duschen erklären würde.
Ich kontaktierte die Spitex und erklärte, dass die ursprüngliche Indikation längst weggefallen sei. Die Antwort: Die Unterstützung sei weiterhin notwendig.
Nachdem ich die Situation angesprochen hatte, entschied die Patientin selbst, dass sie diese Leistungen nicht mehr wollte. Sie rief bei der Spitex an und verlangte die Beendigung der Einsätze. Danach erzählte sie mir, man habe ihr gesagt, sie könne die Leistungen nicht einfach stoppen.
Weil mir das ungewöhnlich vorkam, bat ich sie, nochmals anzurufen, diesmal in meiner Anwesenheit.
Was ich hörte, überraschte mich erheblich:
«Nein, Frau X, die Leistungen sind verbindlich. Das dürfen Sie nicht einfach stoppen, und Sie können das auch nicht allein entscheiden. Wenn Sie zu unseren Terminen nicht erscheinen, wird Ihnen der Termin als versäumt verrechnet und Ihre Beiständin informiert.»
Ich schaltete mich in das Gespräch ein. Der Ton änderte sich sofort. Plötzlich hiess es, man habe das selbstverständlich nicht so gemeint. Man müsse die Situation lediglich zuerst intern klären.
Die Patientin sagt Nein, und trotzdem geht es weiter
Damit blieb es nicht bei fragwürdigen Aussagen am Telefon.
Obwohl weder ein entsprechender behördlicher noch ein gerichtlicher Auftrag bestand, kontaktierte die Spitex anschliessend tatsächlich die Beiständin der Patientin, statt die Beendigung der Leistungen direkt mit der Patientin zu klären. Die Patientin musste diese Entscheidung weder von ihrer Beiständin genehmigen lassen noch bestand ein Grund, die Beiständin zwingend einzubeziehen.
Besonders problematisch ist für mich, dass es sich um eine Patientin mit kognitiver Beeinträchtigung handelt. Gerade bei Menschen, die komplexe Zuständigkeiten und rechtliche Aussagen möglicherweise weniger gut einordnen können, können solche Aussagen besonders viel Druck erzeugen. Aus einem einfachen «Ich möchte diese Leistung nicht mehr» wurde so unnötig ein administratives Machtspiel.
Pflege darf kein Abonnement sein
Dieser Fall wirft für mich vor allem grundsätzliche Fragen auf.
Wann wird aus Unterstützung eine dauerhafte Abhängigkeit? Wer überprüft eigentlich, ob eine einmal verordnete Leistung nach Monaten oder Jahren noch notwendig ist? Und wie oft werden Fähigkeiten von Patient*innen nicht gefördert, sondern stillschweigend übernommen?
Gerade in der ambulanten Pflege müssen wir uns fragen, woran wir gute Arbeit messen: an möglichst vielen Einsätzen, oder daran, dass Patient*innen mit der Zeit wieder weniger von uns brauchen?
Noch unbequemer ist eine andere Frage: Welche finanziellen Anreize setzt unser System eigentlich? Manche Spitexorganisationen investieren erhebliche Summen in Werbung und kämpfen sichtbar um Patient*innen, während gleichzeitig überall vom Pflegenotstand gesprochen wird.
Das wirft Fragen auf: Wie attraktiv sind Patient*innen für ein Unternehmen, wenn über Jahre regelmässig Leistungen verrechnet werden können? Wie gross ist der Anreiz, Selbstständigkeit tatsächlich zu fördern, wenn weniger Abhängigkeit am Ende auch weniger abrechenbare Leistungen bedeutet? Und wer kontrolliert, ob Pflege dort beendet oder reduziert wird, wo sie eigentlich nicht mehr nötig wäre?
Auch ich kenne diesen Interessenkonflikt als selbstständige Pflegefachperson. Jeder beendete Einsatz bedeutet am Monatsende weniger Einkommen. Gerade deshalb gehört es für mich zur professionellen Verantwortung, sich immer wieder zu fragen: Braucht diese Person mich tatsächlich noch?
Ich halte es für naiv anzunehmen, dass finanzielle Interessen in der ambulanten Pflege nie eine Rolle spielen. Wo regelmässige Einsätze über Monate oder Jahre planbare Einnahmen bedeuten, entsteht zwangsläufig ein Anreiz, Leistungen weiterzuführen. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob wir diesem Anreiz professionell widerstehen, oder ob Patient*innen am Ende länger abhängig bleiben, als sie es sein müssten.


