Viele kennen Florence Nightingale als Pionierin der modernen Pflege. Weniger bekannt ist jedoch, dass sie die Pflege gerade deshalb so nachhaltig prägte, weil sie wissenschaftliches Denken in die Praxis einbrachte: Sie beobachtete, sammelte Daten und zeigte mit konkreten Ergebnissen, dass gute Pflege Leben retten kann. Damit veränderte sie das Bild der Pflege grundlegend. Pflege wurde nicht mehr nur als Hilfe aus Mitgefühl verstanden, sondern als ernstzunehmender Beruf mit Fachwissen, Verantwortung und nachweisbarer Wirkung.
200 Jahre später könnte man meinen, evidenzbasierte Pflege sei selbstverständlich geworden. Pflege sollte sich auf das stützen, was beobachtbar, überprüfbar und fachlich begründbar ist, oder? Leider ist das nicht immer ganz der Fall.
Ein Beispiel dafür findet sich ausgerechnet in der NANDA-I-Klassifikation: Sie gilt international als Referenzwerk für Pflegediagnosen und versteht sich als evidenzbasierte Fachsprache der Pflege. In der Ausgabe 2024–2026 führt sie jedoch weiterhin die Diagnose «Unausgeglichenes Energiefeld» auf. Die Diagnose wurde wegen unzureichender Evidenz zeitweise aus der Taxonomie entfernt, später jedoch wieder eingeführt. Beschrieben wird sie als «Störung des menschlichen elektromagnetischen Feldes, das normalerweise als kontinuierliches, einzigartiges, dynamisches, kreatives und nichtlineares Ganzes verstanden wird».
Der Hintergrund dieser Diagnose liegt in der holistischen Pflege. Seit Jahrzehnten gibt es dort die Vorstellung eines sogenannten «menschlichen Energiefeldes». In der Fachliteratur wird dieses Energiefeld nicht rein physikalisch verstanden, sondern «als ein leuchtendes Energiefeld, das den Menschen umfasst, über den physischen Körper hinausgeht und in ständiger Wechselwirkung mit dem Energiefeld der Umwelt steht». Gleichzeitig weisen die Autor:innen selbst darauf hin, dass für dieses Konzept keine überzeugende wissenschaftliche Evidenz vorliegt.
Ein anderes Beispiel kennen viele Pflegefachpersonen aus psychiatrischen Settings: die NADA-Ohrakupunktur. Laut NADA wird das Verfahren unter anderem bei innerer Unruhe, Schlafproblemen, Stress, Angst, Suchtdruck oder Entzugssymptomen eingesetzt.
Die wissenschaftliche Lage zur Ohrakupunktur bleibt jedoch ernüchternd. Einzelne Studien berichten zwar von subjektiver Entspannung, weniger innerer Unruhe oder besserem Schlaf, die methodische Qualität ist aber häufig begrenzt: kleine Stichproben, unklare Vergleichsbedingungen oder fehlende Kontrollgruppen. Eine Cochrane-Review zur Ohrakupunktur bei Kokainabhängigkeit fand keinen überzeugenden Nachweis für eine Wirksamkeit, die Evidenz wurde insgesamt als begrenzt und nicht schlüssig beurteilt.
Zugegeben: Ohrakupunktur und Energiefelder sind leichte Ziele. Dass ein paar Nadeln im Ohr nicht automatisch Angst, Suchtdruck und Schlafprobleme wegkalibrieren, dürfte viele nicht völlig überraschen. Bei «Energiefeldern» denkt man ohnehin schnell eher an Esoterik als an Wissenschaft, ausser vielleicht am CERN in Genf, wo Energiefelder tatsächlich etwas mit Physik zu tun haben.
Spannender wird es bei Methoden, die deutlich seriöser wirken und in vielen Gesundheitsbereichen längst etabliert sind: Achtsamkeitstherapie (auch Mindfulness genannt).
Im Gegensatz zu vielen Wellness-Behauptungen ist auch bei Achtsamkeit die Evidenzlage nicht eindeutig. Eine grosse Review in JAMA Internal Medicine fand zwar kleine bis moderate Effekte auf Angst, Depression und Schmerz. Bei Stress/Distress zeigte sich jedoch nur ein kleiner Effekt bei niedriger Evidenz. Gleichzeitig waren achtsamkeitsbasierte Interventionen anderen Behandlungen nicht klar überlegen. Eine Studie verglich sogar argentinischen Tango mit Mindfulness: Stress nahm nur in der Tango-Gruppe signifikant ab. Zudem ist auch hier die Forschung zu Achtsamkeit methodisch begrenzt. Unerwünschte Effekte wie Angstverstärkung, emotionale Überflutung, Dissoziation oder das Wiedererleben traumatischer Erlebnisse wurden lange kaum systematisch erfasst.
Natürlich muss man das nicht schwarz-weiss sehen. Menschen können von Ohrakupunktur oder Achtsamkeit profitieren, insbesondere dann, wenn die Methode zu ihnen passt und sie im Alltag tatsächlich entlastet. Placebo und kontextuelle Effekte sind nämlich real. Problematisch wird es aber, wenn solche Ansätze als einfache Antwort auf psychiatrische Symptome verkauft werden, obwohl ihre spezifische Wirksamkeit gar nicht belegt ist.
Warum werden solche pflegerischen Interventionen also weiterhin eingesetzt? Sie sind vergleichsweise einfach anzubieten, kostengünstig, benötigen wenig Infrastruktur und geben Pflegefachpersonen etwas Konkretes in die Hand, um auf das Leiden von Patient:innen eingehen zu können. Dazu kommt, dass viele Patient:innen die Intervention selbst als angenehm, beruhigend oder hilfreich erleben. Das ist klinisch nicht irrelevant.
Sollte man solche Interventionen also als Pflegefachperson oder Psychiatrieinstitution anbieten? Meiner Meinung nach mit Zurückhaltung. Nicht alles, was Patient:innen subjektiv entlastet, ist deshalb als spezifisch wirksame Behandlung belegt. Beziehung, Erwartung, Setting, Zeit und Aufmerksamkeit können starke Effekte haben. Aber genau darin liegt der Punkt: Diese Wirkfaktoren gehören nicht automatisch der Methode selbst. Sonst könnte man auch eine Klangschale, einen Glücksstein oder irgendein ritualisiertes Placebo professionell verpacken und als pflegerische Intervention verkaufen. Dann wird schnell aus subjektiver Entlastung ein Wirksamkeitsversprechen, das die Methode selbst gar nicht einlösen kann. Patient:innen dürfen in einem professionellen Gesundheitskontext erwarten, dass mehr dahintersteht als Tradition, persönliche Überzeugung oder ein angenehmes Setting.
Für die psychiatrische Pflege ist das besonders wichtig, denn sie arbeitet dort, wo vieles nicht einfach messbar ist. Gerade in einer Zeit, in der pseudowissenschaftliche Konzepte über Social Media und von Coach-Gurus schnell als Wundermittel verkauft werden, braucht psychiatrische Pflege diese Klarheit mehr denn je. Denn gut gemeint reicht nicht. Pflege wurde nicht zur Profession, indem sie Trost spendete, sondern dadurch, dass sie Wirkung sichtbar machte. Dieser Anspruch gilt bis heute. Psychiatrische Pflege darf (und soll) menschlich, kreativ und beziehungsorientiert sein, gleichzeitig muss sie aber auch wissenschaftlich belastbar, kritisch reflektiert und fachlich ehrlich bleiben.
Literaturverzeichnis:
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